Journal Inhalt 2011 Carina Linge 15.9.–16.10.2011 im Renaissance-Saal der Kunsthalle Erfurt Im Zentrum des Werks von Carina Linge steht ein erweiterter Porträtbegriff. In der Werkgruppe „Einsamer Eros“ arbeitet sie seit 2008 an psychogrammartigen Porträts von jungen Frauen (Singles) und Paaren in Form von fotografischen Bild-Tableaus, die das traditionell präsentierte Gesicht der Porträtierten vermissen lassen, dafür jedoch szenografisch arrangierte Körperbilder, assoziative, symbolische und kunstgeschichtliche Verweise und kurze Notate versammeln, die geeignet sind, auf eine konkrete Person und vor allem ihre subjektive Befindlichkeit hinzuweisen.
auto.MOBIL 3.9.–9.10.2011 in der Peterskirche Erfurt Costantino Ciervo, deckertmesterarchitekten, Andreas Duscha, Ulrike Heydenreich, Dirk Holzberg, Tobias Köbsch, Verena Landau, M+M, Ulrike Nikutowski, raumlaborberlin, Peter Rösel, Hans-Christian Schink, Christine Schulz, Oliver Tjaden, VITAMINOFFICE Mit kaum einem anderen Begriff lässt sich der Seinszustand unserer modernen Gesellschaft treffender beschreiben als mit Mobilität. Die Ausstellung präsentierte aus den unterschiedlichen Bereichen und Medien Arbeiten von 15 Künstlern und Künstlerinnen, die sich diesem Thema auf poetische, subtile und kritische Weise widmen.
Tobias Köbsch, Holiday Inn, 2009, Hans-Christian Schink, ICE-Strecke Radefeld (VDE.041), raumlaborberlin, Spacebuster, 2008 courtesy maerzgalerie Berlin/Leipzig courtesy Galerie Rothamel Erfurt & Frankfurt am Main Kuratorinnen: Tely Büchner und Susanne Knorr 2010 WILLIAM LAMSON (USA) - ON EARTH 18.11.2010 – 9.1.2011 im Renaissance-Saal der Kunsthalle Erfurt William Lamson: Shoot out, still William Lamson, A Line describing the Sun (2010), Videostill Der Kunstverein Erfurt präsentiert in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Silke Opitz die erste umfassende, museale Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers WILLIAM LAMSON (*1977 in Arlington/Virginia, lebt und arbeitet in Brooklyn, NY) in Deutschland. Lamson verhandelt in seinen Videos und Fotografien nicht nur die einfachen Mittel der Kunst, sondern mitunter auch „Macho-Klischees“, indem er selbst die Rolle des „männlichen Mannes“ spielt und gleichzeitig ironisch hinterfragt. Es geht also um Körpereinsatz, und es wird viel geschossen - meist auf Luftballons. Doch wenn aus diesen zerschossenen Ballons Farbe rinnt, entstehen auf dem umliegenden Papier oder darüber hinaus wunderbare - und wunderbar zufällige - Zeichnungen und Installationen. Auch im öffentlichen und/oder Natur-Raum hinterlassen die vielseitigen Aktionen Lamsons Spuren, die dann auf (Foto-) Papier oder im Video festgehalten werden. Entsprechende Stand- oder Bewegtbilder, welche die Aktionen selbst wie auch deren Resultate dokumentieren, haben zudem häufig eine ungemein poetische Wirkung, die an stimmungsvolle Malerei erinnert. So reflektiert Lamson immer auch über die spielerisch gebrauchten Mittel der Kunst, mit denen sich komplexe Wirkungen erzielen lassen. Zudem bildet die Dualität von Natur und Kultur für Lamsons Arbeiten einen weiten, kontextuellen Rahmen. Damit referiert der Künstler auch auf heute „klassische“ Positionen der (amerikanischen) Konzeptkunst und Land Art der 60er/70er Jahre. So begibt er sich etwa in die weiten Landschaften Nord- und Südamerikas, um der Natur tatsächlich etwas „abzugewinnen“. In seinen Videos Automatic (2009) sind es letztendlich Meer und Wind als Naturgewalten, welche dem Künstler über einen selbst konstruierten Apparat „automatisch“ phantastische Zeichnungen und ebensolche Bewegtbilder bescheren. In der Erfurter Ausstellung wird zudem Lamsons neueste Arbeit, A Line describing the Sun (2010), als Double-Channel-Projektion präsentiert. Diese entstand während eines dreimonatigen Aufenthalts des Künstlers am Center for Land Use Interpretations in Wendover/Utah. Das Video zeigt Lamson, der mit Hilfe einer überdimensionalen Fresnellinse direkt in den harten Wüstenboden eine Linie brennt – eine im Schöpfungsprozess aufwendige, „monumentale“ Zeichnung, die dennoch kaum zu sehen ist und witterungsbedingt ohnehin wieder verschwindet. Somit erteilt Lamson selbst der (eigenen) großen Geste der Natur gegenüber eine klare Absage. Doch seine überwältigenden Videobilder bleiben im Bildgedächtnis des Betrachters eingebrannt.
Katalog, dt./engl., Kerber-Verlag, in der Kunsthalle für 29 EUR erhältlich.
Silke Opitz www.silkeopitz.de
IVARS GRAVLEJS (LV) - Die 90er und dann/The 90's and beyond 9.9.–31.10.2010 im Renaissance-Saal der Kunsthalle Erfurt
Ivars Gravlejs: One minute sculpture on a taxi post Erstmals in Deutschland präsentiert der Erfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Silke Opitz eine umfangreiche Einzelausstellung des lettischen Fotokünstlers IVARS GRAVLEJS (*1979 in Riga, lebt und arbeitet ebenda). Die Werkgruppe der 90er/The 90s des in den letzten Jahren an zahlreichen internationalen Ausstellungen beteiligten Künstlers wird im Mittelpunkt der Erfurter Schau stehen. Bereits ungewöhnlich früh zeichneten sich Gravlejs künstlerische Vorlieben hinsichtlich Thematik und Medium ab: Im Alter von nur 11 Jahren machte er den heute schier unglaublichen, seinerzeit „im Osten“ doch noch immer ganz gewöhnlichen Deal, eine Sammlung leerer, gleichwohl heiß begehrter Dosen westlicher Getränkehersteller für seine erste Filmkamera einzutauschen. Gravlejs früheste filmische Skizzen wie seine ebenso frühesten Fotografien zeigen Szenen des Nachwende-Alltags in Lettland in ihrer skurrilen, gleichwohl so bezeichnenden tragikkomischen Mischung als real existierende, täglich frustrierende „running gags“. Neben diesen bemerkenswerten „Social Studies“ entstanden aber auch erste Animationsfilme und „dokumentierte“ Performances sowie „klassische“ fotografische Stillleben, Porträts, Fotogramme, Collagen bzw. „Bildbearbeitungen“. Diese Arbeiten der 90er des tatsächlich sehr jungen, aufgeweckten Gravlejs verblüffen immer wieder in ihrer Komplexität, meint man doch, auch Bezüge zur Fotografiegeschichte zu erkennen und somit letztere auszugsweise vermittelt zu bekommen - noch dazu auf ungemein humorvolle Weise. So sind Gravlejs Aufnahmen dieser Jahre mehr als nur tastende Versuche eines angehenden Fotokünstlers, der seine Ausbildung schließlich an der Akademie der Darstellenden Künste/Academy of Performing Arts in Prag abschließen sollte, wo er bezeichnenderweise auch ein Jahr Performance studierte. Was diese Film- wie Fotoserien der 90er ferner so einmalig erscheinen lässt, ist ihre andere Vorsätzlichkeit, eben gerade nicht primär das Leben der Nachwendezeit dokumentieren zu wollen, wie es viele Fotografen damals versuchten. Während die „Dokumentarfotografen“ unmittelbar nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems im Osten schnell noch die verfallen/den, grau-in-grauen Straßenzüge vor der Sanierung und Restaurierung festhielten oder Stefan Moses etwa die Brigadearbeiterinnen ins Studio holte, hielt der pubertierende Ivars die Kamera ganz einfach auf raufende Mitschüler, heimlich auch auf ungeliebte Lehrer oder auf seine ihm nach dem Tausch noch verbliebenen Bierdosen - eigentlich auf alles, was „einfach so“ da war. Während er vorsätzlich sein persönliches Umfeld mit Foto- und Filmkamera (und dabei das Medium selbst) amateurhaft erkundete, hat Gravlejs nebenbei Geschichte festgehalten, die sich gerade weil sie am Rande erzählt wird bzw. zu sehen ist, nicht so leicht leugnen lässt. Kunst dient hier als sehr wertgeschätztes Mittel (man bedenke: Die vielen Dosen!) bzw. mitunter aus der Verzweiflung heraus entwickelte, aberwitzige Strategie, um eine Agonie zu überwinden und letztendlich jene Verhältnisse ad absurdum zu führen, die als Kapitel von „Welt-Geschichte“ keine 20 Jahre zurückliegen. In gegensätzlicher Entsprechung zu dieser umfangreichen und vielseitigen Serie enthüllt Gravlejs mit seiner 2008/2009 entstandenen Reihe My Newspaper, wie er kleine Manipulationen an fotografischen Auftragsarbeiten für eine tschechische Tageszeitung vorgenommen hat. Die überwiegende Harmlosigkeit dieser „Bildbearbeitungen“ mag den Betrachter von My Newspaper vor allem erheitern. Alles Weitere ist, wie wir ohnehin wissen, massenmedial nicht nur vorstellbar.
Bundes- und Europaminister Dr. Jürgen Schöning übergab am 1. September 2010 den Zuwendungsbescheid von Lottomitteln für die Ausstellung Ivars Gravlejs Journal Inhalt _walking_the_borderline_ – Skulpturenausstellung 16.7.–22.8.2010, Peterskirche Erfurt Eingangssituation mit Simon Schubert, Pip, 2010 Thorsten Brinkmann, Erfurter Segen, 2010 Hendrik Lörper, Zelle mit Organ (Projekt 6), 2010 Fotos: © Falko Behr (Erfurt)
Grenzgänge in der zeitgenössischen Kunst spiegeln sich in den acht künstlerischen Positionen der Ausstellung _walking_the_borderline_ wider. Sie versammelt skulpturale Werke von jungen deutschen Künstlern, die in ganz verschiedenen Disziplinen ausgebildet sind sowie multidisziplinär arbeiten und sich damit in den Grenzbereichen der Gattungen bewegen bzw. die Grenzen zwischen diesen aufheben. Ihre Skulpturen zeugen von einem erweiterten bildhauerischen Verständnis. Es sind keine Skulpturen im klassischen Sinn: Traditionelle Materialien finden keinen Einsatz, dafür ist ein Rückgriff auf Materialien und Gegenstände unserer Alltagswelt charakteristisch, die dadurch, dass sie in einen künstlerischen Kontext gestellt werden, eine völlig neue Bestimmung erfahren. Die Darstellungen erscheinen häufig als Wiederholungen und Nachempfindungen von Alltagssituationen, -handlungen oder temporären Ereignissen. Unvoreingenommen kann der Betrachter diesen Kunstwerken, in denen er Vertrautes und Bekanntes findet, gegenübertreten. Nach einem ersten Moment des Wiedererkennens, wird der artifizielle Charakter der Arbeiten mit ihren Verfremdungen, Überzeichnungen oder Reduzierungen bewusst und damit die Auseinandersetzung auf eine neue Wahrnehmungsebene gehoben. Die kognitive Wahrnehmung der Werke ist in einigen Fällen für den Besucher auch an eine direkte physische Erfahrbarkeit gekoppelt. Eine weitere Grenze, die zur Diskussion gestellt wird, ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Die Werke bewegen sich zwischen den Welten, verknüpfen beide Bereiche, wie auch in unserer Lebenswelt z. B. durch den Einsatz der digitalen Technik die Unterscheidung von Realität und Fiktion immer schwieriger wird. Die gezeigten Positionen sind Reflektionen von Ist-Zuständen, in denen Idylle, Harmonie beziehungsweise das Schöne gebrochen werden, im gleichen Atemzug wie Tradiertes einer aktuellen Befragung unterworfen wird und somit Grenzen verschoben, überschritten und aufgelöst werden. Kuratorinnen: Tely Büchner und Susanne Knorr |